Können SSRI abhängig machen? (Allgemeines)

W.W. @, Freitag, 27.08.2021, 13:54 (vor 27 Tagen) @ W.W.

Ich ergänte meine Ausführungen mit Können SSRI abhängig machen?:

Dass SSRI möglicherweise nur Placebos sind und dass sie mit ungeklärten Selbstmorden und sogar Amokläufen in Verbindung gebracht werden, ist das eine, das dritte Problem ist die Behauptung, SSRI könnten abhängig machen. Eine Patientin schrieb:

Ich habe seit langen Jahren eine MS, brauche jetzt aber Rat wegen meiner Depressionen. Ich leide seit mehr als zwei Jahren darunter. Äußerlicher Anlass war ein Verkehrsunfall, bei dem mein Ex-Mann umkam. Ich weiß nicht einmal, ob ein Zusammenhang mit dem tragischen Geschehen besteht; wir hatten uns auseinandergelebt und längere Zeit zuvor ohne Streit getrennt. Als sich meine Stimmung nicht besserte, verschrieb mir ein Neurologe Paroxetin (ein SSRI-Antidepressivum). Ich nahm davon 20 bis 40mg täglich ein. Ich fühlte mich damit besser, andererseits bemerkte ich, wie ich allem gegenüber gleichgültiger wurde. Manchmal hatte ich nachts schreckliche Alpträume, wie ich sie früher nicht gekannt habe. Nach einem Jahr versuchte ich, das Medikament abzusetzen, aber in den nächsten Tagen und Wochen verdüsterte sich meine Stimmung wieder zunehmend. und ich musste wegen jeder Kleinigkeit weinen. In der Überzeugung, dass ich das Paroxetin weiter brauchte, nahm ich es wieder ein. Jetzt habe ich gehört, dass es abhängig machen soll und bin darüber sehr beunruhigt.

Zusammenfassend glaube ich, dass die SSRI aus vielen Gründen umstritten sind. Zum einen drängt sich die Frage auf: Wozu dient eigentlich das wiederaufgenommene und inaktivierte Serotonin? Könnte es nicht die Ausgangssubstanz für neues Serotonin sein? Dann würde der Serotoninmangel nur scheinbar und vorübergehend behoben und würde sich später umso stärker bemerkbar machen. Weiterhin könnte man sich fragen, ob der Serotoninmangel bei Depressionen nicht Folge einer chronischen Stressbelastung sein könnte, dass der Serotoninmangel also nicht die Ursache, sondern lediglich ein Glied in der Kette ist, die zu Depressionen führt. Wenn das so wäre, würde man durch eine medikamentöse Behandlung das Ausmaß der Erschöpfung nur verschleiern und eine angemessene Behandlung, nämlich Ruhe, Stressabbau und eine Lebensstiländerung, verzögern.

Für mich bleibt vieles, was man dieser Medikamentengruppe vorwirft, in einem merkwürdigen Zwielicht und einiges wird in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen. So kam es 1989 in den USA zum „Prozac-Skandal“. Er wurde durch den Amoklauf des Joseph Wesbecker ausgelöst, der einen Monat zuvor mit einer Behandlung mit Prozac®, das ist der amerikanische Präparatename für Fluoxetin, begonnen hatte. Der Prozess wurde eingestellt, nachdem es zu einer außergerichtlichen Einigung zwischen den Klägern und den Anwälten der Herstellerfirma gekommen war. Man sagt, es seien mehrere Millionen $ geflossen.

Meine Meinung ist, dass Serotonin-Wiederaufnahmehemmer nicht wirksamer sind als die altbewährten trizyklischen Antidepressiva wie z.B. das Amitryptilin (Saroten®), dass sie aber eine wesentlich höhere Nebenwirkungsrate haben, unter anderen eine merkwürdige Gleichgültigkeit machen und zu einer Akathisie, einer quälenden Bewegungsunruhe in den Beinen, zu Alpträumen, ticartigen Gesichtszuckungen und sexuellen Störungen führen. Die Rate von Selbstmordversuchen ist im Vergleich zu anderen Antidepressiva deutlich erhöht.
Vor allem aber werden bei dieser Substanzgruppe Entzugserscheinungen (discontinuation syndrome) beschrieben, die bei Paroxetin mehr als 10mal häufiger sein sollen als bei Fluoxetin; Die depressiven Symptome kehren in verstärkter Form zurück, so dass man meint, man habe das Medikament zu früh abgesetzt und es wieder einnimmt – genau so, wie die Patientin es beschrieben hat. Ich würde es ausschleichend absetzen und mich damit trösten, dass der Entzug meist nicht länger als zwei Wochen dauert.

Ich habe mit meinem Freund, dem Psychotherapeuten, häufig über diese Probleme diskutiert. Obwohl ich mit Engelszungen auf ihn einredete, blieb er dabei: "Die Suizidgefahr geht maßgeblich von der Erkrankung aus, nicht von ihrer Therapie. Ohne SSRI käme ich an viele Patienten gar nicht heran!" Außerdem wäre die Meta-Analyse nicht unumstritten.

Das ist der Grund, warum ich ganz persönlich von SSRI abrate.

W.W.

PS: Meine Ansicht zur Psychotherapie, die ich durchaus nicht ablehne, würde hier zu weit führen.


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