Fanatismus als "edle Mission" (Straßencafé)

Boggy, Samstag, 20.11.2021, 13:17 (vor 9 Tagen)

Vielleicht ist es völlig unnötig, überflüssig, dies hier im Forum zu posten, vielleicht aber auch nicht. Wir werden sehen. Im Zweifel fürs Posten.
:-)

Quelle:
https://www.theguardian.com/commentisfree/2021/nov/20/how-do-you-argue

"How do you argue with anti-vaxxers who believe they’re on a noble mission?"
("Wie argumentiert man mit Impfgegnern, die glauben, dass sie sich auf einer edlen Mission befinden?")

(…)
Die Not der Frau ist echt. (…) Die Tatsache, dass ich ihre Bedenken so leicht ausräumen kann, bestärkt sie nur in ihrem Gefühl, dass sie zu den wenigen begnadeten Menschen gehört, die die schreckliche Wahrheit hinter dem sehen können, was der Rest von uns als Realität kennt.
(…)

Obwohl es zweifellos rechtsgerichtete Elemente gibt, ist meine Erfahrung, dass es keine kohärente Ideologie gibt, die diese Verschwörungsanhänger verbindet. Das macht es so frustrierend, mit ihnen zu streiten.

Immer, wenn ein gesicherter Fakt erreicht ist, wird die Diskussion auf ein anderes Glaubenssystem verlagert, und zwar in Form von unerträglichen, unsinnigen Details, die aus Online-Recherchen hervorgehen.

Dies ist eine Form des Fundamentalismus, bei der das, was man glaubt, nicht so wichtig ist wie das, woran man nicht glaubt. Was auch immer geschieht, es geschieht nicht. Was auch immer die Realität ist, sie wehren sich dagegen. Ich vermute, das macht diese Bewegung besonders gefährlich.
(…)

Ein Gefühl des selbstgerechten Eifers bedeutet, dass sie das Gefühl haben, im Krieg zu sein, und daher zu den extremsten Aktionen berechtigt sind. Sie können bedrängen, sie können misshandeln, sie können im Namen ihrer heiligen Mission Halbwahrheiten verbreiten. Sie tun dies für den Rest von uns und kämpfen gegen eine Ungerechtigkeit, die niemand sonst sehen kann.
(…)

Diese Hingabe an eine Sache bringt eine große emotionale Bindung mit sich. Ihre edle Mission - ob sie nun gegen Impfungen oder gegen Lockdown-Maßnahmen sind - ist ein Kernstück ihrer Identität."

*******
Und hier ergänze ich: Genau dies macht es so schwer, sachlich, mit überprüfbaren Argumenten überzeugen zu wollen. Jemand, der so stark mit einer Überzeugung identifiziert ist - was bedeutet, er/sie erlebt diese Überzeugung als Teil-seiner-selbst, der wird ein Aufgeben dieser Überzeungung als Bedrohung seiner selbst erleben, als wenn er sich selbst verlieren würde, als wenn ein (großer?) Teil von ihm zerstört würde; oder er/sie selbst vielleicht sogar ganz.

Das ist etwas völlig anderes, als das Abrücken von einer Ansicht, von der man erkennt und einsieht, das sie nicht richtig ist. Das hat nichts vom alltäglichen "Oh, da habe ich mich wohl geirrt."


Gruß
Boggy

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Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.


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