Über Gespäche (Straßencafé)

W.W. @, Montag, 13.12.2021, 14:40 (vor 43 Tagen)

Merkwürdigerweise mache ich mir sehr viel Gedanken über das Gespräch, obwohl es schrullig klingt und sich das vermutlich gar nicht lohnt.

Meine Tochter macht sich immer über mich lustig, wenn ich sie vom Bahnhof abhole und frage, ob sie sich im Zug gut unterhalten habe. Sie hält es für unsinnig, sich mit einem wildfremden Menschen zu unterhalten, und meint wohl auch, der andere würde es sich verbitten, wenn man ihm ein Gespräch aufzwingen wolle.

Früher war das anders, und ich habe mich gern im Zug mit wildfremden Leuten unterhalten. Die Zeit verging schneller, und oft war man überrascht, wenn man merkte, dass man aussteigen musste. Heutzutage ist es im Zug wohl ganz anders. Man leidet unter jemandem, der einem gegenüber sitzt und sich per Handy mit irgendjemandem unterhält. Wenn er oder sie merken, dass sie zu laut sprechen, dann verringern sie ihre höflich Lautstärke, aber leider scheint es dem Menschen angeboren zu sein, dass er instinktiv erst recht genauer hinhören muss, wenn jemand leise leise spricht. Man kennt das aus der Sauna, wenn zwei sich flüsternd unterhalten.

Ein anderes Phänomen ist, wenn man also notgedrungen zuhören muss, entdeckt man oft, wie banal solche Gespräche sind. Im 19. Jahrhundert gab es das Bonmot 'Was zu dumm ist, gesagt zu werden, wir gesungen!’, heutzutage könnte man sagen: ‚Was sich eigentlich nicht zu sagen lohnt, kann man sich immerhin noch per Handy mitteilen.’

Vielleicht kennst auch das: Wenn man sich gemütlich zum Kaffeetrinken getroffen hat. Man spricht über die alte Zeit, erinnert sich an einen Schlager von damals, kommt aber nicht auf den Titel, dann wird mit Sicherheit jemand zu seinem Handy greifen und sagen: ‚"WArtet, ich schau bei Wikipedia nach, und kann es euch genau sagen.’Immer häufiger erfahre ich auch über eine neuartige Art der Kommunikation: Man erspart sich die Mühe, dem anderen etwas mitzuteilen, sondern schickt ihm 'ohne Worte' ein witziges Youtube zu.

Die Art zu kommunizieren, ist also eine andere geworden. Was haben wir uns früher am Stammtisch gestritten! Jetzt werde ich bei dem Gedanken schamrot, dass ich mich früher ab und zu damit wichtig gemacht haben dass ich eine Ansicht möglichst krass formulierte, um Widerspruch zu provozieren, wie man bei einem Ritterturnier eine besonders spektakuläre Attacke reitet.

Wenn ich daran denke, wie ich mit meiner Frau beim Frühstück sitze, und wir uns unterhalten, frage ich mich: Worüber eigentlich? Über etwas, dass wir im Supermarkt kaufen müssen, oder dass heute irgendwer Geburtstag hat.Ich bin dankbar, dass wir heute morgen über einen Film sprachen, den wir gestern Abend auf ARTE gesehen hatten. Es ging um den Holocaustleugner David Irving. Meine Frau fand den Film übertrieben und schlecht gemacht, ich war ganz im Gegenteil berührt und der Ansicht, es gäbe möglicherweise eine Faszination, die von den Nazis ausgehe, die weit unterschätzt würde.

Obwohl ich die Expertenmeinungen kaum noch richtig voneinander zu unterscheiden weiß und ich in Informationen zu ertrinken drohe, zieht es mich doch zu ‚Bürgergesprächen’, wenn es um Themen geht, die unser Dorf angehen: Sollen auf einer Anhöhe Windkrafträder gebaut werden? Wie sinnvoll ist der Weiterbau, die unsere Bundesstraße und den Verkehr durch die bewohnten Gegenden entlastet, und wie stehe ich zu einer Impfpflicht?

Wie ich höre, gibt es wohl viele Menschen, die sich zurückgezogen haben. Sie sind es überdrüssig geworden, sich etwas anderes anzuhören oder anzusehen als das, was kluge Journalisten oder kluge Wissenschaftler geschrieben haben. Manche sind froh darüber, nicht mehr von Anderen belästigt zu werden, und ziehen es sogar vor, den Heiligen Abend alleine zu verbringen.

Früher war also das Gespräch ein Meinungsaustausch, ein Interesse daran, was der andere denkt. Ich fürchte, man ist in dieser Zeit zu leicht geneigt, das, was man im Internet liest oder in den Nachrichten hört, für 'objektiver' bzw. wissenswerter zu halten, als das, was einem ein anderer erzählt - und oft ist es wohl sogar interessanter als das, was die Großmutter früher den Enkelkinder erzählt hat.

W.W.


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