Antidepressiva - Butter bei de Fische! I (Allgemeines)

Boggy, Mittwoch, 14.09.2022, 14:28 (vor 16 Tagen) @ Boggy

Ich habe mir den Artikel von Padberg nun mal in Ruhe vorgenommen, und gebe hier ein paar wichtige Auszüge wieder.

Gruß
Boggy


"Mit ruhiger Stimme erklärt Hegerl
den Betroffenen anschließend, worunter sie leiden. „Alles,
was wir reden und tun, hat mit den Hirnfunktionen zu tun. So
auch die Depressionen. Hormone im Gehirn“,(...) Das Seelen-
leiden Depression, so lernen die Anwesenden, ist eine kör-
perliche Krankheit, eine Stoffwechselstörung.
(...)

Und eine Lösung ist für die „Volkskrankheit“ Depression auf
diese Weise auch gefunden: mehr Serotonin. Wir bekommen
es durch Medikamente. Wir nennen sie: Antidepressiva. Ihre
bekannteste Klasse heißt – dem postulierten Heilmechanis-
mus entsprechend – Selektive Serotoninwiederaufnahme-
hemmer (SSRI).
(...)

Der Schönheitsfehler der sogenannten „Neurotransmitterhy-
pothese“ der Depression war von Anfang an, dass sie sich
empirisch nicht bestätigen ließ. Erste Untersuchungen von
Malcom Bowers (1969, 1974) fanden keinen signifikant nied-
rigeren Serotoninlevel bei Depressiven als bei Gesunden.
(...)

Professor Tom Bschor, Chefarzt der Berliner Schlosspark-Klinik und Mitautor
der Leitlinie schreibt ergänzend: „Substanzen, die die intrasy-
naptische Serotonin-Konzentration erhöhen, Substanzen, die
diese Konzentration erniedrigen, und Substanzen, die hierauf
gar keinen Einfluss haben (z. B. Bupropion), sind allesamt in
gleicher Weise antidepressiv wirksam“ (2013, S. 26)
(...)

Der Blick ins Gehirn (MRT; Boggy) verrät bis heute nichts über Wohl
und Wehe seiner Besitzerin. Die neurophysiologischen Ursa-
chen psychischer Störungen liegen nach wie vor weitgehend
im Dunkeln (Hasler, 2013).
(...)

Wie stand es nun also wirklich um die Wirksamkeit von An-
tidepressiva? Der schon erwähnte Psychologe Irving Kirsch
überprüfte das in einer Metaanalyse im Jahr 1998 (Kirsch &
Sapirstein, 1998). Ja, Antidepressiva wirken, befand er. Je-
doch wirken sie kaum besser als Placebos, sind demnach nur
wenig hilfreicher als Zuckerpillen.
(...)

Depressionen gibt es in drei Formen, leicht, mittelschwer
und schwer, so steht in den Klassifikationssystemen ICD-10
und DSM-5. Die American Psychiatric Association
benennt sogar vier Formen, die sich von Werten der Hamil-
ton-Depressions-Skala (HAM-D) ableiten. Ab einem Score
größer oder gleich 23 kennt sie zusätzlich die „sehr schwe-
re Depression“, eine tiefschwarze Form also. Nur für diese
Form, genauer gesagt ab einem HAM-D-Wert von 28, fanden
Kirsch et al. (2008) einen signifikanten Vorteil gegenüber Pla-
cebos. Kurz darauf bestätigten in einer weiteren Metaanalyse
Fournier et al. (2010) das Ergebnis: Signifikante Vorteile von
Antidepressiva erkannten sie erst ab einem HAM-D-Wert von
mindestens 25. Kirsch et al. (2008) hatten den empirischen
Teil der Auseinandersetzung gewonnen.
(...)

Entsprechend kritisch sieht das Psychologe Kirsch:
„Meine Bedenken bei der Gabe von Antidepressiva zur Erzie-
lung eines Placebo-Effektes stammen daher, dass dies keine
harmlosen Medikamente sind. Bei SSRIs ist z. B. die Rate von
sexueller Dysfunktion so hoch [...], dass es inzwischen schon
eine eigene Kategorie dafür gibt, die das Kinsey-Institut aufge-
stellt hat: Post-SSRI-Sexuelle Dysfunktion. (...) Und der Psychiater Kendall er-
gänzt: „Ich weiß, dass die Entzugssymptome beim Absetzen
von Antidepressiva einer Depression sehr ähnlich sind. Das
ist so, als hätte man eine ausgeprägte Depression plus Angst.
Man sollte bei der Verschreibung immer beachten, welche
Nebenwirkungen es gibt. Und wenn eine der häufigen Ne-
benwirkungen ist, dass man das Medikament nicht absetzen
kann, dann wäre ich sehr vorsichtig mit der Verschreibung“
(in Padberg & Friedrichs, 2016, S. 60).
(...)

Das Bild von Depression als Hirnkrankheit, die sich durch
Einnahme von Tabletten heilen lässt, ist ein schiefes Bild.
Richtig daran ist, dass vielen Menschen durch die Einnahme
von Antidepressiva geholfen wird. In den meisten Fällen ist
dagegen falsch, dass dies aufgrund ihrer pharmakologischen
Eigenschaften geschieht.
(...)

--
Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.


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