Wissenschaftsjournalismus (Allgemeines)

Boggy, Montag, 11.09.2023, 13:10 (vor 262 Tagen)

Die Neue Züricher Zeitung schreibt kritisch über Wissenschaftsjournalismus. Ich kann nur zustimmen.

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"Der Wissenschaftsjournalismus habe sich aber stark verändert, sagt der ehemalige Chefarzt. Oft würden nicht mehr die Originalpublikationen in Fachzeitschriften gelesen, sondern man verlasse sich auf die Interpretationen von anderen Wissenschaftsjournalisten, die in der Vermittlung von Studien «nachweisbar unkritischer» seien: mehr Drastik statt Differenz.

Wissenschaftsjournalisten müssen komplexe Sachverhalte verständlich aufbereiten und an die Leserschaft bringen. Auch sie verstehen sich heute in erster Linie als Journalisten und erst danach als Fachpersonen. Denn auch sie wollen von einem breiten Publikum gelesen werden.

Immer häufiger sind sie aber nicht vom Fach, was sich bei der Vorliebe für populärpsychologische Themen zeigt. Sie sprechen mit Experten, um dem Beitrag einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. So profitiert dann auch die Therapeuten- und Coaching-Branche vom sich ausbreitenden Wohlbefinden-Journalismus.
(...)
Wieweit der Gesundheitsjournalismus die Leute kränker macht, als sie sind, ist bisher noch nicht untersucht worden."

Quelle:
https://www.nzz.ch/feuilleton/medien-als-psychologie-ratgeber

Ich bin mir auch nicht sicher, wie genau die Experten-Professoren-Doktoren noch die Originalpublikationen lesen, besser gesagt, gründlich lesen; oder inwieweit sie das an studentische Hilfskäfte o.ä. delegieren und sich dann eine kurze, mehr oder weniger saubere, Zusammenfassung liefern lassen, mündlich oder schriftlich. Oder ob ihnen nicht auch schon ein kurzer Blick auf den "Abstract" des Fachartikels ausreicht, was für tatsächliches Wissen mehr als problematisch ist.

Nun ja ...

Gruß
Boggy

--
Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.

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Journalismus & Broterwerb & Wissenschaft & Praxis = ?

agno @, Dienstag, 12.09.2023, 20:29 (vor 261 Tagen) @ Boggy

Die Neue Züricher Zeitung schreibt kritisch über Wissenschaftsjournalismus. Ich kann nur zustimmen.

Geldmangel lässt sparen. Sparen macht schludrige Arbeit. Schludriger Jornalismus macht weniger verkaufte Abonnement.

Ist zwar nicht Wissenschaft, aber...
Unsere Tageszeitung hat unseren Regionalteil auf 50% eingedampft und den Umkreis vervierfacht. Es sind nur die wenigen Seiten für die ein Freund sein Abbo bezahlt. Ortsvorsteherwahl 50Km weiter interessieren uns nicht.
Das sind Sparprogramme die am Fundament sägen. imho

agno

P.S.: Ja die Zeiten zu denen ein Arzt Studien gelesen hat sind vorbei. Dem Arzt fehlt es an der Zeit. Er muss Zeit sparen.... :-(
Eventuell leben wir im Zeitalter der grauen Herren von der Zeitsparkasse?

--
Weiß nicht, woher ich komm, weiß nicht, wie lang ich bleib, weiß nicht, wohin ich geh, mich wundert, dass ich glücklich bin ...

Wissenschaft - auch dies gilt!

Boggy, Donnerstag, 14.09.2023, 13:00 (vor 259 Tagen) @ Boggy

In eins möchte ich nicht (!) hineingeraten, und um da auch jedem Mißverständnis vorzubeugen - klar gesagt:
Wenn ich kritsche Beiträge zu Wissenschaftlern und Wissenschaft poste,
dann nicht, weil ich die Ansicht vertrete "man kann nichts und niemandem mehr glauben" oder "wir können eh nicht wissen, was richtig ist."

Im Gegenteil:
Ich halte es für die Glaubwürdigkeit von wissenschaftlicher Forschung und wissenschaftlichen Erkenntnissen für unabdingbar, gerade auch die Schwachstellen von Wissenschaft und ihre Fehleranfälligkeit aufzuzeigen;
denn es gibt keine Perfektion.

Und nur, wenn wir darauf vetrauen können, daß Wissenschaft auch um die eigenen Irrtumsmöglichkeiten weiß, und alles tut, um diese aufzudecken und zu beseitigen, bleibt Wissenschaft, bleiben wissenschafltiche Erkenntnisse, da, wo sie überprüfbar zuverlässig sind, eine unverzichtbare Stütze für Wahrheitsfindung, für die Unterscheidungsmöglichkeit zwischen richtig und falsch.

Transparenz ist dafür notwendig.

Anlaß für mein Posting ist dieser Artikel über die Angriffe von Wissenschaftsleugnern:

Quelle:
https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/angriffe-wettermoderatoren-100.html

"Anfeindungen im Internet Wettermoderatoren als neue Zielscheibe

Fernseh-Meteorologen kämpfen um die Wahrheit: Weil sie über die Zusammenhänge von Wetter und Klimakrise aufklären, sehen sie sich immer häufiger Angriffen von Wissenschaftsleugnern ausgesetzt.
(...)

Gerade rechtspopulistische Parteien hätten es sich zur Aufgabe gemacht, wissenschaftlich etablierte Positionen anzugreifen, bestätigt Schmid: "Die Idee dahinter ist, so eine Art von 'Anything goes'-Charakter zu kreieren. Das bedeutet, wenn man nichts mehr glauben kann, nicht mal mehr der wissenschaftlichen Datenlage, dann kann ich die Leute mit allem füttern." Ziel sei es, dafür zu sorgen, dass wissenschaftliche Fakten nicht weiterverbreitet werden."

Gruß
Boggy

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Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.

Wissenschaftsjournalismus

Michael27 @, Donnerstag, 14.09.2023, 17:26 (vor 259 Tagen) @ Boggy

Danke, Boggy, für den interessanten Post!

Es gibt noch eine weitere Entwicklung im Wissenschaftsjournalismus, zu der ich bei riffreporter.de gelesen habe:

https://www.riffreporter.de/de/gesellschaft/journalismus-optimismus?utm_source=newslett...

Da der Artikel vermutlich hinter einer Bezahlschranke liegt (ich habe abonniert), will ich 3 Sätze zitieren:

"Ich sage nicht viel dazu, nur manchmal erwähne ich, dass ich als Journalistin in den Ressorts Wissenschaft und Gesellschaft seit Langem das Gegenteil erlebe: Verkauft wird vor allem das Prinzip Hoffnung.

Positive und zuversichtlich stimmende Themen nehmen die Redaktionen wie geschnitten Brot. Beiträge, die sich mit schweren Themen von Tod bis zu Wirtschaftskriminalität befassen, Missstände entlarven oder Kritik üben, sind viel mühsamer anzudienen. Mit Inflation und dem Beginn des Kriegs in der Ukraine hat sich diese Vorliebe fürs Optimistische noch verstärkt."

Ich denke, das kennen wir auch bzgl. der Artikel zu neuen MS-Therapien, -Medikamenten oder vermeintlichen -Forschungsdurchbrüchen. Da wird manches schnell hochgejubelt oder übertrieben positiv dargestellt - und man muss alles, was man liest, immer kritisch hinterfragen. Über die gescheiterten Ansätze oder die Projekte, wo es nicht vorangeht, liest man normalerweise nichts.

Michael

Wissenschaftsjournalismus

Boggy, Donnerstag, 14.09.2023, 19:56 (vor 259 Tagen) @ Michael27

Es gibt noch eine weitere Entwicklung im Wissenschaftsjournalismus, zu der ich bei riffreporter.de gelesen habe:
https://www.riffreporter.de/de/gesellschaft/journalismus-optimismus?utm_source=newslett...
Da der Artikel vermutlich hinter einer Bezahlschranke liegt (ich habe abonniert), will ich 3 Sätze zitieren:

Hallo Michael,
ich konnte den Artikel ohne Schranke ganz lesen, und ergänze einfach mal Zitate:

"„Artikel müssten Hoffnung vermitteln, um viel gelesen zu werden.“"
(...)
Die Differenziertheit aus Texten wird hin und wieder redaktionell herausgebügelt, damit sie mehr gute Laune verbreiten. Die Kritik schrumpft zum Symbolabsatz im letzten Drittel des Textes."

Wie im Artikel auch beschrieben, sind hier finanzielle Interessen ausschlaggebend.

Ich denke, das kennen wir auch bzgl. der Artikel zu neuen MS-Therapien, -Medikamenten oder vermeintlichen -Forschungsdurchbrüchen. Da wird manches schnell hochgejubelt oder übertrieben positiv dargestellt - und man muss alles, was man liest, immer kritisch hinterfragen. Über die gescheiterten Ansätze oder die Projekte, wo es nicht vorangeht, liest man normalerweise nichts.

Mich ärgern diese Übertreibungen, gerade auch in den Überschriften, sehr; Übertreibung ist auch Verfälschung. Da muß etwas als Sensation o.ä. dargestellt werden, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, und Leser, Käufer oder Klicks zu bekommen.

Das gilt oft auch für Studien, auch bei MS - das hab ich schon zur Genüge gesehen. Der "Zusammenfassung" im "Abstract" traue ich grundsätzlich nicht mehr. Oft kommen erst beim Lesen des Gesamttextes die wichtigen, ausschlaggebenden Differenzierungen und Einschränkungen der Aussagekraft zum Vorschein. Und wenn man dann den Schlußabsatz zur "Diskussion" liest, dann wundert man sich manchmal, wie die gleichen Autoren, die hier kritische Aspekte der Studie aufzeigen, gleichzeitig vorher eine eher "selbstbewußte" und überzeugte Darstellung schreiben konnten.

Gruß
Boggy

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Medienkritik vom Spiegelpodcast

agno @, Freitag, 29.09.2023, 17:11 (vor 244 Tagen) @ Boggy

Der Spiegel, Acht Milliarden Podcast: "Tödliche Empathie"
42:14 Minute
Zitat: "Wie sehr die Medien bei der Berichterstattung der Dramaturgie eines Films folgen"
"In Wirklichkeit gibt es viel mehr Grauzonen dazwischen"
"Es verkauft sich gut aber es ist Unsinn, die Wirklichkleit ist nicht Netflix."

Gruß agno

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Weiß nicht, woher ich komm, weiß nicht, wie lang ich bleib, weiß nicht, wohin ich geh, mich wundert, dass ich glücklich bin ...

Medienkritik

tournesol @, Freitag, 29.09.2023, 22:46 (vor 243 Tagen) @ agno

Der Spiegel, Acht Milliarden Podcast: "Tödliche Empathie"
42:14 Minute
Zitat: "Wie sehr die Medien bei der Berichterstattung der Dramaturgie eines Films folgen"
"In Wirklichkeit gibt es viel mehr Grauzonen dazwischen"
"Es verkauft sich gut aber es ist Unsinn, die Wirklichkleit ist nicht Netflix."

Gruß agno

Mir ist nicht klar, warum du diesen Beitrag verlinkst, mit Wissenschaftsjournalismus, worum es seither in diesem Thread ging, hat er ja weniger zu tun.

Nein, die Wirklichkeit ist nicht Netflix, sie ist auch nicht aus nur einer Blickrichtung zu verstehen, wie sie in den Medien oft dargestellt wird um eine bestimmte Meinung zu vermitteln, wofür auch dieser Podcast-Beitrag ein Beispiel ist.
Ja, was hat Russland davon, erobertes vermintes Gebiet zu verteidigen?
Aber umgekehrt gilt das für die Ukraine genau so. Zu welchem Preis will sie das Gebiet zurückerobern? Was hat sie letztendlich davon, mehr als die Russen? Was haben die Menschen in den umkämpften Gebieten davon?

Jetzt wird in den Medien das Flüchtlings-Thema hochgepuscht, mit den gleichen Methoden wie bei Corona, mit immer neuen Horrormeldungen Angst zu machen und Stimmung gegen Gruppen von Menschen zu erzeugen, die angeblich an den Problemen, die sich vorher schon über längere Zeit entwickelt hatten, schuld sind. Damals waren es die Ungeimpften, jetzt sind es wieder die Flüchtlinge, natürlich die aus der Ukraine ausgenommen.
Und wieder werden manipulierte Fotos eingesetzt, wie Anfang 2020 das Foto aus Bergamo mit der augenscheinlich endlosen Schlange von Lastwagen mit Corona-Toten. Jetzt sind es endlose Schlangen von Flüchtlingen, die uns überfluten und wegen denen wir keinen Zahnarzttermin bekommen.

https://uebermedien.de/88481/wie-der-spiegel-sich-aus-einem-foto-sein-bedrohliches-flue...

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Medienkritik

agno @, Samstag, 30.09.2023, 16:58 (vor 243 Tagen) @ tournesol

Der Spiegel, Acht Milliarden Podcast: "Tödliche Empathie"
42:14 Minute
Zitat: "Wie sehr die Medien bei der Berichterstattung der Dramaturgie eines Films folgen"
"In Wirklichkeit gibt es viel mehr Grauzonen dazwischen"
"Es verkauft sich gut aber es ist Unsinn, die Wirklichkleit ist nicht Netflix."

Gruß agno


Mir ist nicht klar, warum du diesen Beitrag verlinkst, mit Wissenschaftsjournalismus, worum es seither in diesem Thread ging, hat er ja weniger zu tun.

Sorry, für mich war das fast identisch, wenn Informationsmedien ihre Aufgabe mit Marketing "optimieren".
Wenn sich der Threadstarter beklagt hätte, dann hätte ich um Abtrennung meiner Verallgemeinerung gebeten.

agno

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