Es ist nett, dass Sie geantwortet haben, auch wenn meine Antwort keine direkte Antwort zu sein scheint: Das Aller-, Allerwichtigste ist mir: Wenn jemand eine MS bekommt oder sich seine MS verschlechtert, dann ist das nicht seine Schuld!
Der Irrtum liegt auf der Hand, so wie jemand, der viel raucht, mit daran schuld ist, wenn er einen Lungenkrebs bekommt, oder ein Skiläufer eher dazu neigt, sich die Knochen zu brechen.
So ist es bei der MS gerade nicht! Wir schliddern in unsere unsinnigen Verhaltensweisen (die man manchmal auch Neurosen nennen kann) nicht von ungefähr. Psychologen und Psychotherapeuten haben früher gepredigt: Ein neurotisches Fehlverhalten sei so schlimm und belastend, dass es ärger sei als jede Therapie.
Genau das Gegenteil ist wahr: Jede Neurose ist der Psyche liebstes Kind, ein bequemer Weg, mit Lebensschwierigkeiten klarzukommen. Und weil jeder sein Fehlverhalten liebt, deshalb ist es so schwer, es wieder loszuwerden. Die beleidigte Leberwurst hat so viel davon, immer dann, wenn es ihr tunlich erscheint 'einzuschnappen', die beleidigte Leberwurst zu spielen. Bis an ihr Lebensende, und jede Psychotherapie wird scheitern.
Was ich damit sagen will: Man kann sein Fehlverhalten nicht ablegen wie ein Hemd, das löchrig geworden ist. Wer dazu neigt, charmante Alkoholiker zu lieben, wird sich immer wieder in charmante Alkoholiker verlieben - auch wenn sein Psychotherapeut noch so gut ist und sich den Mund fusselig redet.
Es ist unheimlich schwer, sich selbst zu ändern! Und auch das Fehlverhalten, das (meiner Ansicht nach) zu Überlastungen führt, ist alles andere als leicht abzustreifen. Ich glaube, wir sind viel mehr gefangen von unserer Lebensgeschichte und unseren Erfahrungen, als wir zuzugeben bereit sind.
Und diese ganzen gutgemeinten Definitionen bringen gar nichts. Wenn sich jemand über beide Ohren in den oben erwähnten charmanten Alkoholiker verliebt, ist das Schuld oder Mitverantwortung, wenn er während der unglücklichen Liebesbeziehung erkrankt? Es ist egal! Wir sind verstrickt. Wörter sind oft Spiegelfechtereien.
Und dennoch könnte es wünschenswert sein, wenn einem nicht eingeredet wird, wie sich deine Krankheit entwickelt hat nichts, aber auch gar nichts mit deinen Schwächen und Lastern zu tun!
Vielleicht beantwortet dies Ihre Fragen nur mittelbar, aber eines möchte ich klar herausstellen:
- Die Überlastung ist immer ein chronisches und nie ein akutes Problem. (siehe das Fass, das langsam vollläuft)
- Oft ist ein Fehlverhalten der Königsweg, die beste Lösung in einem Konflikt. Man wird nicht freiwillig darauf verzichten wollen; auch wenn es einen krank macht.
- Psychotherapeuten machen es oft schlimmer, weil sie die wirklichen Probleme nicht erkennen, im Klienten vorwiegend ihre eigenen Probleme suchen und die positive Funktion von Neurosen unterschätzen.
- Manchmal scheint es mir schwer vertretbar zu sein, den Menschen auf Deubel komm raus verändern zu wollen. Wer dazu neigt, sich aufzuopfern, den kann man nicht daran hindern und sollte es vielleicht auch gar nicht tun. Es kann verhängnisvoll sein, wenn eine Tochter ihre Alzheimerkranke Mutter pflegt, aber sollte man sie daran hindern?
W.W.
PS: Wenn ich es mir recht überlege, halte ich das Gehirn für ein 'psychosomatisches' Organ.