Ganzheitskonzepte in Medizin und Therapie; Lesetipps (Straßencafé)

Boggy, (vor 3244 Tagen) @ Nalini

So, und eine kritische Besprechung der Einführung der Herausgeber, und obendrein viel über Goldstein und seine Arbeit gibts auch.

Hallo Boggy, ich habe mal in das Book Review - Buchbesprechung des von dir so geschätzten Goldstein reingesehen. Dort habe ich folgende Sätze gefunden:

(...)

Da dachte ich mir, huch, ist das nicht genau das, was Boggy stets vehement kritisiert? Krankheit als sinnhafte Antwort auf querschnittliche Lebensereignisse?

Liebe Nalini,
nun wirds kompliziert. Der von Dir zitierte Textteil ist mißverständlich, wenn man ihn aus dem Zusammenhang des Textes und vor allem aus dem Zusammenhang von Goldsteins Arbeiten nimmt.
Das zu diskutieren, würde enorm viel Raum und Einarbeitung brauchen.

Zur Erinnerung: Goldstein hat mit hirnverletzten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg gearbeitet. Und auf diese und ihre Hirnverletzungen, und darauf, wie sie damit umgehen, und welche "Symptome" sie dadurch bedingt im Verhalten entwickeln, geht es hier.

Goldstein hat festgestellt, daß es zwei Verarbeitungs-Modi des Gehirns gibt, die er konkret und abstrakt nennt (was die neurologische Forschung heute mit anderer Begrifflichkeit bestätigt; "konkret" ist eine automatisierter und "abstrakt" ein reflektierender Modus)

Bei den hirnverletzten Soldaten geht das Verhalten im "abstrakten" Modus in bestimmten Situationen verloren ... (Das ist jetzt alles von mir ziemlich improvisiert.)

Dein Text-Zitat bezieht sich also auf diese Fälle, es ist keine allgemeine Aussage über Krankheiten: Wir müssen ausführlicher zitieren:

"Das krisenverursachte ,konkrete Verhalten‘ der Patienten (der hinrverletzten Soldaten; Boggy)endet leider oft als frustraner Selbstheilungsversuch, da die Umgebung der Erkrankten den mentalen
Rahmenwechsel nicht mitvollzieht; diesem damit aber seinen korrespondierenden
Resonanzraum entzieht. Goldsteins Funktionsmodell (des Gehirns; Boggy) läßt pathologische
Prozesse (im Gehirn; Boggy) – im Gegensatz zum lokalen Schädigungsmodell – gleichwohl als sinnhafte Reorganisationsversuche erscheinen: krankhafte Reaktionen sind eine sinnhafte Antwort auf querschnittliche Lebensereignisse; Symptome sind nicht Ausdruck isolierter Schäden (im Gehirn; Boggy), sondern Versuche der Reorganisation auf einem anderen, angemesseneren Austauschniveau. Erkrankung (wenn sie nicht mehr heilbar/ bzw. die Schädigungen nicht mehr behebar sind; Boggy) ist eine Einschränkung unserer Gestaltungsfreiheit – und die Aufgabe des Therapeuten ist nicht, die Funktionsweise im alten Zusammenhang wieder herzustellen, sondern den Patienten zu ermutigen, in radikaler Änderung ein neues Äquilibrium zu finden, das ihm selbst angemessen ist (Sacks 1995)."

Also, mit Dahlke hat das überhaupt nichts zu tun.
Ich würde sehr empfehlen, mit Harringtons Geleitwort, und der Einführung der Herausgeber (pdf-Website) anzufangen, um einen Eindruck von Goldstein zu bekommen.
Vielleicht gibts ja was, das Dir gefällt, und das Du für Dich hilfreich findest.

Und wie Du sehen kannst, heißt es im Text nicht "Krankheiten", wie Du zitiert hast, sondern "krankhafte Reaktionen".

Gruß
Boggy

--
Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.

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