Übelkeit und gezähmter Zorn (Therapien)
Lieber Boggy,
ich dachte vorgestern an Sie und wurde sogar etwas rot dabei. Ein Freund warf mir beim Spazierengehen vor, ich würde etwas verurteilen, obwohl ich eigentlich keine Ahnung hätte.
Im Prinzip finde ich das auch richtig: nichts verurteilen, was ich nicht kenne.
Aber ich glaube inzwischen, daß ich aus meinem Wissen und meiner Erfahrung und meiner Bewußtheit heraus, auch manchmal zu schnellen, spontanen Urteilen kommen kann, die sich dann im Nachhinein, bei ausgiebiger und gut durchdachter Überlegung tatsächlich als ein richtiges Urteil erweisen,
das ich quasi intuitiv auf der Grundlage von eben diesem, meinem Wissen und meiner Erfahrung und meiner Bewußtheit heraus gemacht habe.
Er wies mich zurecht und meinte, das könne nur ein Anthropologe beantworten. Aber wenn das nur ein Anthropologe kann, und nur ein Wirtschaftswissenschaftler voraussagen kann, ob der Börsenkurs steigt oder fällt, und nur der Politologe weiß, ob morgen Wilders gewinnt (oder wie man eine MS korrekt behandeln soll), dann bekomme ich Angst vor dieser Expertokratie!
Es wäre höchst gefährlich, wenn wir uns selbst aus der Verantwortung des eigenen Urteils und des eigenen kritischen Denkens entlassen würden. Um es an "Experten" abzutreten.
Wir müssen uns dabei aber auch eine ausreichende Fähigkeit der Selbstkritik erhalten (und immer wieder erarbeiten)
Mit freundlichem Gruß in die Klosterzelle,
In die ich nun auch DRINGEND zurück muß!
Gruß
Boggy
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Um unserer persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit willen müssen wir immer wieder die Saat des kritischen Verstandes und des begründeten Zweifels säen.