Ocrevus (Therapien)
Eine kurze Mitteilung zu Ocrelizumab (Ocrevus®)(persönliche Einschätzung)
Im November 2009 war folgendes im Fernsehen zu sehen:
Ein Familienvater ist verzweifelt. Er ist erst Mitte 40. Vor 2 Jahren hat er von heute auf morgen Lähmungen in den Beinen verspürt. Innerhalb von einer Woche sitzt er im Rollstuhl. Die Diagnose: MS. Als keine herkömmliche Behandlung bei ihm wirkt, schlägt ihm seine Ärztin vor als letzten Ausweg ein experimentelles Verfahren auszuprobieren. Das Mittel heißt Rituximab® und ist eigentlich für die Behandlung von Lymphknotenkrebs zugelassen und wird auch bei schwersten Formen von Rheuma angewendet
Trotz der Gefahr schwerer Nebenwirkungen stimmt der Patient der Behandlung zu. Er bekommt innerhalb einiger Wochen zwei Infusionen mit dem Antikörper, verträgt alles gut und spürt unmittelbare Besserung. „Das war wie Handauflegen. Ich war so dankbar. Das hat mir sicher das Leben gerettet.“ Nach dieser Therapie wird er auf eine der gängigen Behandlungen der MS umgestellt.
Wirkungsmechanismus
Ocrelizumab ist wie Tysabri® ein monoklonaler Antikörper. Allerdings dichtet es nicht die Blut-Hirn-Schranke ab, und er ist nicht gegen T-, sondern gegen B-Lymphozyten gerichtet,
Die meisten MS-Medikamente sind gegen T-Zellen gerichtet, die für den Angriff auf die Myelinscheiden der Nerven im Zentralnervensystem verantwortlich sind. Die Rolle der B-Zellen, dem anderen Arm der adaptiven Immunabwehr, wurde lange unterschätzt, bis Rituximab, das selektiv B-Zellen zerstört, in klinischen Studien eine erstaunlich günstige Wirkung zeigte: Zwei intravenöse Behandlungen verhinderten über einen Zeitraum von 48 Wochen fast vollständig die Bildung neuer Läsionen in der Kernspintomographie, und in einer weiteren Studie wurde in einer Untergruppe von jüngeren Patienten sogar eine Wirkung bei der PP-MS beobachtet, für die es bisher kein effektives Mittel gibt.
Dosierung
Die Patienten erhalten alle 6 Monate eine Infusion mit 600mg. Die Anfangsdosis wird in 2 Dosen zu je 300,g aufgeteilt, die in zweiwöchigem Abstand infundiert werden.
Studien
Ocrelizumab (Ocrevus®), Roche) ist eine Variante des Krebs- und Rheumamittels Rituximab®. Die Substanz hat 3 Besonderheiten: 1. ist es das erste Medikament, das auch gegen die primär progrediente MS (PPMS) wirkt. 2. handelt richtet es sich nicht gegen T-, sondern B-Lymphozyten. Und 3. handelt es sich um einen vollständig humanisierten Antikörper, d.h., während Rituximab® noch genetische Anteile von Mäusen hatte, fehlen diese bei Ocrelizumab.
In den nahezu gleichen Studien OPERA I und OPERA II wurde Ocrelizumab in einer Dosis von 600 mg alle 24 Wochen mit einer hochdosierten Therapie mit Interferon beta-1a (44 µg dreimal pro Woche für 96 Wochen) verglichen. Teilnehmer waren 1.656 Patienten mit RR-MS, die in den letzten zwei Jahren mindestens zwei Schübe oder mindestens einen Schub im letzten Jahr erlitten hatten.
Das Team um Ludwig Kappos von der Universität Basel berichtete, dass die Rate der jährlichen Schübe in der OPERA-I-Studie um 46 Prozent und in der OPERA-II-Studie um 47 Prozent gesenkt wurde. Der Anteil der Patienten, bei denen es in den ersten zwölf Wochen zu einer Zunahme der Behinderungen kam, ging in den beiden Studien von 13,6 Prozent in der Interferon-Gruppe auf 9,1 Prozent in der Ocrelizumab-Gruppe zurück. Nach 24 Wochen war es in der Interferon-Gruppe bei weiteren 10,5 Prozent der Patienten zu einer Verschlechterung gekommen gegenüber nur 6,9 Prozent in der Ocrelizumab-Gruppe. Auch hier waren die Unterschiede signifikant.
Noch deutlichere Unterschiede waren in der Zahl der Herde, die in der Kernspintomographie Kontrastmittel aufnahmen., nachweisbar. Auch war die Gesamtzahl der T1-Läsionen in der Ocrelizumab-Gruppe um 94 Prozent beziehungsweise 95 Prozent niedriger. Bei neuen oder sich vergrößernden Läsionen kam es zu einem Rückgang um 77 Prozent beziehungsweise 95 Prozent. Dies lässt darauf hoffen, dass sich unter der Behandlung auch langfristig die Prognose der Patienten verbessert.
Nicht ganz so deutlich waren die Ergebnisse in der ORATORIO-Studie, an der 732 Patienten mit PP-MS teilnahmen. Da es hier bisher keine effektive Therapie gibt, wurde Ocrelizumab mit Placebo verglichen. Primärer Endpunkt war der Anteil der Patienten mit einer weiteren Progression der Behinderungen in den ersten zwölf Wochen der Behandlung. Wie das Team um Jerry Wolinsky vom Health Science Center der Universität von Texas in Houston berichtet, kam es unter der Behandlung mit Ocrelizumab bei 32,9 Prozent der Patienten zu einer Krankheitsprogression gegenüber von 39,3 Prozent im Placebo-Arm. Die Hazard Ratio von 0,76 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,59 bis 0,98 signifikant.
Nebenwirkungen
Über Nebenwirkungen war noch nicht so viel bekannt, als ich dieses Kapitel schrieb. Die einzigen Informationen, die mir vorliegen, stammen von einem Forschungszentrum in New York (TISCHMS.org). Ihnen war zu entnehmen, dass es einige ernsthafte Bedenken gibt. In der ersten RRMS-Studie kam es innerhalb von 3 Jahren bei 9 Patienten zu verschiedenen malignen Erkrankungen (4 Patienten in den ersten 2 Jahren und 5 Patienten im Folgejahr). Das sei alarmierend hoch, wenn man bedenke, das diese Patienten meist in der 3. Lebensdekade standen und keine Krebsanamnese hatten.
In der Studie mit PPMS-Patienten entwickelten innerhalb von 3 Jahren, in denen sie Ocrelizumab bekamen, 13 Patienten Krebs. Das bedeutet, dass mehr als 1 von 50 Patienten innerhalb von 3 Jahren einen Krebs entwickelten. Dieses hohe Krebsrisiko wurde bei Rituximab® nicht gefunden. Woher es kommt und wie groß es wirklich ist, kann zurzeit nicht beurteilt werden, da Ocrelizumab nicht länger als 3 Jahre gegeben wurde.
W.W.