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Erkannt, erwischt, noch nicht erledigt [EBV] (Allgemeines)

naseweis ⌂, in meinem Paradies, (vor 22 Stunden, 49 Minuten)

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Wie das Epstein-Barr-Virus eine Multiple Sklerose triggert

Stockholm – Die Multiple Sklerose (MS) ist vermutlich Folge einer molekularen Mimikry, bei der das Immunsystem auf das Epstein-Barr-Virus (EBV) zielt, versehentlich aber auch Hirnzellen angreift und damit eine chronische Autoimmunreaktion auslöst. Beteiligt sind nach einer Studie in Cell (2026; DOI: 10.1016/j.cell.2025.12.032) nicht nur Antikörper-produzierende B-Zellen, sondern auch CD4-Zellen der zellulären Immunabwehr.

An einer MS erkranken nur Menschen, die sich zuvor mit EBV infiziert haben. Von den 95 % aller Menschen, die sich zumeist im Jugendalter infizieren, erkranken jedoch die wenigsten an einer MS. Eine Infektion mit EBV allein reicht deshalb nicht aus, um die Autoimmunerkrankung auszulösen.

Forschende suchen seit Längerem nach dem Trigger, der bei einigen wenigen Menschen die Autoimmunreaktion anstößt. Bisher standen vor allem die B-Zellen im Fokus der Forschung. EBV infiziert die B-Zellen und legt dort seine Gene ab. Diese können dann lebenslang das Virus oder Teile davon produzieren. Darunter ist das „Epstein–Barr nuclear antigen 1“ (EBNA1).

Die Aminosäure-Kette von EBNA1 stimmt in Teilen mit Anoctamin-2 (ANO2) überein, einem Ionenkanal auf der Membran von Nervenzellen. Dies kann zu einer molekularen Mimikry führen, wenn das Immunsystem Antikörper gegen EBNA1 bildet, die dann auch ANO2 für einen Angriff des Immunsystems markieren. Diese Antikörper wurden in früheren Studien gefunden, und sie waren dort mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko für MS verbunden.

Die Antikörper allein können aber noch keine MS auslösen. In früheren Experimenten an Mäusen war es nicht gelungen, durch die Übertragung von Antikörpern erkrankter Tiere auf gesunde Tiere eine experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis (EAE) auszulösen, die der MS beim Menschen entspricht.

Durch die Übertragung der CD4-Zellen der Mäuse gelang dies dagegen. CD4-Zellen sind spezialisierte T-Zellen. Ihre Aufgabe besteht in der Koordination der Immunabwehr. Sie können beispielsweise B-Zellen zur Produktion der Antikörper veranlassen, die dann die Autoimmunreaktion starten.

Ein europäisches Forscherteam um Olivia Thomas vom Karolinska Institut in Stockholm hat deshalb die Rolle der CD4-Zellen näher untersucht. Sie fanden heraus, dass etwa 57 % der Personen mit MS CD4-Zellen haben, die eine Immunreaktion auf ANO2 auslösen können. Dies ließ sich im Experiment an Mäusen bestätigen. Wenn die Tiere mit ANO2-Antigenen geimpft wurden und eine EAE entwickelten, dann konnte die Erkrankung allein durch die CD4-Zellen (ohne Antikörper) auf andere Mäuse übertragen werden.

Bei den Mäusen werden dann bevorzugt Regionen wie der Nucleus olivaris, das Septum und das Kleinhirn angegriffen, deren Zellen Anoctamin-2 in ihrer Zellmembran haben. Dieser Angriff findet bevorzugt bei Mäusen und Menschen mit dem sogenannten HLA-DR15 Haplotyp statt. Dieser Haplotyp ist seit Längerem als ein MS-Risikofaktor bekannt.

Humane Leukozyten-Antigene (HLA) haben im Immunsystem die Aufgabe, fremde Antigene den T-Zellen zu melden, die dann über die CD4-Zellen das gesamte Immunsystem alarmieren. Die Forschenden vermuten, dass HLA-DR15 das EBNA1-Antigen der infizierten B-Zellen besonders gut präsentiert. Die CD4-Zellen lösen dann die Immunreaktion aus, die sich gegen die ANO2-Proteine auf den Nervenzellen richten.

Die Studie stellt erneut die zentrale Rolle des Epstein-Barr Virus in den Mittelpunkt. Dies könnte von medizinischer Bedeutung sein, da derzeit mehrere EBV-Impfstoffe in der klinischen Entwicklung sind. Im besten Fall würden sie Jugendliche nicht nur vor einem Pfeifferschen Drüsenfieber schützen, sondern auch eine spätere MS verhindern.

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das Geheimnis der Medizin besteht darin,
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Sisyphos hatte es auch nicht leicht

Tags:
EBV, Epstein-Barr-Virus


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