Trigeminusneuralgie (Allgemeines)

W.W., (vor 3085 Tagen) @ Bluna

Zur Trigeminusneuralgie habe ich Folgendes geschrieben:

Die Trigeminusneuralgie
Gudrun F. hat seit sieben Jahren eine gutartig verlaufende MS. Bei der heutigen Vorstellung legt sie den Finger auf den Mund als Zeichen, dass sie nicht sprechen kann, und gibt mir einen Zettel, auf dem steht: „Ich habe seit drei Tagen entsetzliche Schmerzen, die vom Mund zum linken Ohr ausstrahlen. Besonders schlimm ist es, wenn ich spreche.“

Man sagt, die MS mache keine Schmerzen. Eine Ausnahme ist neben dem oben beschriebenen Korsettgefühl die Trigeminusneuralgie. In schlimmen Fällen kann es bis zu mehreren hundert Malen pro Tag zu kurzen, blitzartig einschießenden Schmerzen in die mittlere oder untere Gesichtshälfte kommen. Die Schmerzen werden durch Berührungen bestimmter Triggerzonen in der Mundschleimhaut oder in der Lippen- oder Nasengegend ausgelöst, manche Patienten wagen deswegen kaum mehr zu essen oder zu sprechen.

Eine der plausibelsten Hypothesen besagt, die häufigste Ursache sei in einer Arterie zu suchen, die praktisch parallel zu dem Trigeminusnerven verläuft. Im Lauf des Lebens kommt es zu einer zunehmenden Schlängelung des Gefäßes, so dass es an einigen Stellen dem Nerven direkt aufliegt. Die Pulswellen, die vom Herzen kommend die Gefässwand häufiger als einmal pro Sekunde aufbauchen, üben einen ständigen hammerschlagartigen Reiz aus, unter dem die Isolationsschicht des Nervs schmilzt, was schon bei geringsten Berührungen im Gesichtsbereich zu Kurzschlüssen, den elektrisierenden Schmerzen, führt.

So einleuchtend diese Hypothese ist, für die MS kann sie nicht zutreffen, da sie ja keine Erkrankung des peripheren Nervs ist. Die Ursache muss im langgestreckten Kerngebiet des Trigeminusnervs liegen, das sich vom Mittelhirn bis in das obere Halsmark erstreckt.

Therapeutisch wird meist an erster Stelle das Antiepilepticum Gabapentin (Neurontin®) empfohlen, das jedoch viele Nebenwirkungen haben kann. Die meisten Patienten probieren der Reihe nach eine Liste von Medikamenten aus: Nach dem Gabapentin das Antidepressivum Amitryptilin (Saroten®) und schließlich einen Betablocker. Wenn es gut geht, verschwinden die Schmerzen nach Tagen oder Wochen, manchmal aber auch erst nach Monaten. Scheinbar ist es immer das letzte Medikament, das geholfen hat. Tatsächlich aber ist es einfach die Zeit, die fast alle Wunden heilt. In therapieresistenten Fällen können nach meiner Erfahrung Akupunktur und die Homöopathie sehr hilfreich sein.

Ich erhielt folgenden Brief:
Meine Frau hat MS und leidet jetzt seit mehr als einem Jahr unter einer quälenden Trigeminusneuralgie in der linken mittleren Gesichtshälfte. Von der Schmerzambulanz ist sie auf Neurontin 600-600-600mg, Tegretal ret. 400-0-400mg, Saroten 0-0-75mg, Neurocil 5-5-5-10 Tr. und Tilidin-Tropfen bei Bedarf eingestellt worden, ohne dass es hierunter zu einer wesentlichen Linderung der Schmerzen gekommen ist. Was können wir noch tun?

Ich antwortete, dass ich bei der langen Dauer der Beschwerden und der ausgereizten Pharmakotherapie (obwohl manche Neurologen das Neurontin noch bis auf 4mal 800mg täglich erhöhen) die perkutane Thermokoagulation des Ganglion Gasseri in Erwägung ziehen würde. In einer Studie, die 2001 veröffentlicht wurde, konnte bei 2138 Eingriffen, die bei 1600 Patienten vorgenommen wurden, bei 97,6% Schmerzfreiheit erzielt werden. (Dtsch Arztebl 2007; 104(39))

Der Eingriff wird meistens ambulant unter Kurznarkose durchgeführt. Bei einigen Patienten, gerade bei MS-Betroffenen, ist eine Wiederholung in zwei oder drei Jahren erforderlich. Eine ernstzunehmende Komplikation ist allerdings die „Anaesthesia dolorosa“, die in 4% der Fälle auftritt und sich durch dauerhafte, sehr intensive brennende Schmerzen genau in dem Bereich auszeichnet, der eigentlich nicht mehr weh tun dürfte.

W.W.

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