Über die Ursache der MS (Allgemeines)
Die EBV-Stress-Hypothese
Da es gut in diesen Zusammenhang passt (Man glaubt, was man glauben will!) muss ich gestehen, ganz früher hatte ich an die EBV-Stress-Hypothese geglaubt.
Damals schrieb ich Folgendes:
Der Hauptverdächtige unter den in Frage kommenden MS-Erregern soll das Epstein-Barr-Virus (EBV) sein. Wenn das stimmt, was soll dann die Krankheit mit Stress zu tun haben?
Unter bestimmten Bedingungen, z.B. durch Stress, bildet sich in der weißen Hirnsubstanz ein bestimmtes Eiweiß, das unter normalen Bedingungen nicht im Gehirn vorkommt. Aus historischen Gründen wird es Hitze-Schock-Protein genannt. Es ist durch eine Kette von 5 Aminosäuren charakterisiert und zwar in der Reihenfolge R-R-P-F-F. Nun kommt genau dieses R-R-P-F-F im Eiweißmantel des Epstein-Barr-Virus (EBV) vor.
Die EBV-Stress-Hypothese lautet: Irgendwann einmal in der Kindheit oder Jugend infiziert man sich mit dem EBV und die Lymphozyten werden gegen R-R-P-F-F „allergisiert“. Das macht nichts, weil im Körper kein R-R-P-F-F vorkommt. Entsteht aber später unter Stress das Hitze-Schock-Protein in der weißen Hirnsubstanz, dann halten es die Lymphozyten für das EBV und versuchen, es zu zerstören. Auf diese Weise sollen die MS-Herde entstehen (Nature 1995; 375:798-801).
Nach wie vor halte ich diese Hypothese für genial, und 2012 erschien eine Studie, die für diese Annahme sprach in MULTIPLE SCLEROSIS: Pakpoor et al. The risk of developing multiple sclerosis in individuals seronegative for Epstein-Barr virus: a meta-analysis. (Mult Scler. 2012 Jun 11).
Die Autoren kommen zu folgendem Schluss: 1. Es gibt 2 Methoden, unabhängig voneinander die Antikörper gegen das EBV zu messen. Sie unterscheiden sich in ihrer Empfindlichkeit. D.h. wenn bei der einen Methode keine EBV-Antikörper gefunden werden, können sie bei der anderen doch nachweisbar sein. Der Test auf EBV-Antikörper kann also falsch negativ sein. Und 2.: Wenn man MS-Patienten mit beiden Methoden untersucht, haben sie in 100% EBV-Antikörper. Diese Beobachtung bedeutet, dass EBV wahrscheinlich die Ursache der MS ist bzw. bei der Entstehung der MS eine Rolle spielt.
Dennoch bleibt die Rolle des EBV umstritten. Ist es die ominöse Krankheit, die in MS-reichen Ländern Kinder vor dem 15. Lebensjahr befällt, und ist diese Infektion eine conditio sine qua non für die MS, also eine Vorbedingung, ohne die keine MS auftreten kann?
Meine Überzeugung, die MS könnte ursächlich mit Stress zu tun haben, könnte ein Vorurteil sein!
Ich weiß es nicht, aber meine Spekulation darüber, dass eine Beziehung zwischen Stress, Oligoklonalen und EBV besteht, ist fragwürdig und sicherlich der Tatsache geschuldet, dass die ein missing link, eine Verbindung zwischen Stress und MS suche. So bin ich vermutlich auf mein eigenes Vorurteil hereingefallen.
Kürzlich sprach ich mit meiner Tochter darüber und klagte, dass ich mit meiner Annahme ziemlich allein stünde und mich kaum traute, sie in der Neuauflage meines MS-Buches aufzunehmen. Sie fragte mich, ob ich mir denn sicher sei? Und ich sagte: 'Ja, ich bin mir 100ig sicher, dass jede MS durch ein belastendes Ereignis ausgelöst wird!' Und dann meinte meine Tochter, wenn ich mir so sicher wäre, dann müsste ich es auch so schreiben.
Sie meinte sogar dieses: 'Im Grunde genommen bist du ja davon überzeugt, die MS sei auf neurologischem Gebiet so etwas wie die echte Depression (Major Depression) auf dem psychiatrischen. Man kann die Depression rein somatisch auf einen Serotoninmangel im Gehirn zurückführen und sie mit Medikamenten behandeln, die den Serotoninspiegel im Gehirn erhöhen, sog. SSRI. Aber man kann die Depressionen auch als die Folge einer anhaltenden Stress-Situation sehen, die dazu geführt hat, dass immer mehr Serotonin im Gehirn ausgeschüttet wurde, bis die Serotoninspeicher schließlich erschöpft waren.'
Sie will darauf hinaus, dass die Depressionen einen somatisch und einen psychischen Aspekt haben, also im buchstäblichen 'psychosomatisch' sind. Ich antwortete ihr, dass ich so ähnlich denken würde, aber mehr und mehr Skrupel hätte, das so zu formulieren, denn egal. welche Worte ich wählen würde, ich würde den MS-Betroffenen eine Schuld auflasten und das sei unabhängig davon, ob ich von 'Mitschuld' oder 'Verstrickung' sprechen würde. Also wäre es besser, diesen von mir vermuteten Zusammenhang nicht zu erwähnen, vor allem, da die Ablehnung dieses Standpunkts so offenkundig sein.
Meine Tochter fragte: 'Ist er denn so offenkundig? Oder ist es nicht vielleicht so, wie es oft in Foren ist, dass die Menschen mit Zähnen und Klauen alles bekämpfen, was sie für eine ungeheure Unterstellung halten, während sie eher gelassen hinnehmen, wenn jemand ihre Meinung vertritt. Dass also Menschen dazu neigen, laut aufzuschreien, wenn man ein angebliches Tabu bricht, aber still sind, wenn sie den angeblichen Tabubruch befürworten.'
W.W.