Ich oute mich - Cortison (Allgemeines)
Damals (im September 2009) schrieb ich:
Sehr geehrter Herr Lagrèze,
ich bin auf Ihre Arbeit 'Steroide bei Sehnerverkrankungen' gestoßen und habe ihn in meinem MS-Forum besprochen. Nun kamen aber viele Postings, dass die Opththalmologen und Neurologen anscheinend nicht einig seien. Darum erlaube ich mir, Sie anzuschreiben.
Ich persönlich bin Neurologe und der Ansicht, dass viel zu viele Sehnerventzündungen bei der MS mit Cortison behandelt werden und beziehe mich dabei auf die aus meiner Sicht hervorragende Studie von Beck. Diese scheint aber von der DMSG nicht ganz korrekt zitiert zu werden. Vor allem werden die 2- bzw. 5-Jahresergebnisse unterschlagen, aber auch so getan, als sei die von Beck untersuchte Sehnerventzündung nicht unbedingt eine Sehnerventzündung bei MS. Das mag sein, dennoch meine ich, dass die meisten nichttraumatischen Sehnerventzündungen letztendlich doch im Rahmen einer MS auftreten, bin also der Ansicht, dass die Studie gut ist.
Bestärkt wurde ich darin, als ich Ihre Arbeit las und fand, dass auch Sie sehr zurückhaltend mit Cortison sind. Nun meinen aber aufmerksame Forenleser, es gäbe einen Dissens zwischen den Augen- und Nervenärzten. Möglicherweise sei die Sehnerventzündung ein Kampfgebiet bzw. es gäbe Einflussnahmen von Cortisonherstellern? Darum habe ich mich erboten, bei Ihnen anzufragen, wie die aktuelle Sachlage ist.
Ich will auch nicht verschweigen, dass mich tierexperimentelle Studien mit Sorge erfüllen, die zeigen, dass Cortison möglicherweise die Rate von Nervenfaseruntergängen im Sehnerven erhöht.
Als Letztes möchte ich die ungesicherte und rein theoretische Befürchtung ansprechen, dass Cortison möglicherweise ein Wiederaufflackern einer Sehnerventzündung fördern oder sogar einem Übergang in die sekundäre Progredienz Vorschub leisten könnte.
Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.
Viele Grüße in die Philosophenhochburg Freiburg,
Wolfgang Weihe
(Arzt für Neurologie und Psychiatrie)
Prof. Lagréze antwortete:
Sehr geehrter Herr Weihe,
vielen Dank für Ihre Email. Ich denke, dass Sie haben meinen Standpunkt richtig wiedergegeben haben und wir uns recht einig sind. Ursache des Dissenz beider Fachgruppen ist sicher nicht der Einfluss der Cortisonhersteller. Damit läßt sich kaum Geld verdienen. Ich denke, dass es eher historisch unterschiedlich gewachsene Behandlungsmuster sind. Sehr gerne können Sie mich anrufen oder mit konkreten Fragen anmailen.
Mit freundlichen Grüßen
W. Lagrèze