Fazit: MS und Zivilisationskrankheit (?), Ernährung (?), "Lebensstil" (?) (Allgemeines)
Es tut mir leid, dass ich erst jetzt dazu komme, auf ihr Posting einzugehen.
Über Randbedingungen
Vor 30 Jahren war ich ein begeisterter Popper-Anhänger, und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie man seinen Ansichten widersprechen könnte. Da viele diese Haltung auch heute noch teilen, möchte ich sie kurz charakterisieren:
Mit Kant ist er der Ansicht, dass wir die wahre Welt, die hinter der Erscheinungswelt steht, nicht erkennen können. Das Äußerste, was wir leisten können, ist, eine Hypothese zu widerlegen. Trotzdem ist er der Ansicht, dass es Kriterien gibt, die bessere Theorie von der schlechteren zu unterscheiden. Er vertritt also die Auffassung, dass trotz aller Skepsis die Wissenschaft ein rationales Unternehmen ist und dass es so etwas wie einen Fortschritt in der Wissenschaft gibt, dass z.B. Newton der Wahrheit näher kommt als Aristoteles, und Einstein näher als Newton.
Für Popper gibt es kein unumstößliches Wissen, es bleibt immer „ein kritisches Raten; ein Netz von Hypothesen; ein Gewebe von Vermutungen.“ Trotzdem ist er der optimistischen Ansicht, dass die Wissenschaft sich immer mehr der Wahrheit nähert.
Das war lange Zeit auch meine Überzeugung. Leider wurde ich später durch Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend sehr verunsichert. Trotzdem bleibe ich dabei, dass der Poppersche Weg der beste ist, sich in der Wissenschaft zu orientieren. Wenn ich die gängige MS-Theorie kritisiere, hat das viel mit Popper (und weniger etwas mit Kopernikus) zu tun.
Wie gesagt, Poppers Hypothese schien mir unwiderlegbar zu sein, doch dann hat sie Thomas S. Kuhn 1962 ganz einfach wiederlegt. Im Zentrum stehen dabei die von Ihnen erwähnten Randbedingungen. Anders gesagt: Popper ging von der unbegründeten Annahme aus, dass Wissenschaftler sich alle Mühe geben, ihre eigenen Theorie zu widerlegen, während Kuhn meinte, es sei wesentlich realistischer davon auszugehen, dass sie genau das Gegenteil tun: Wenn es Tatsachen oder experimentelle Ergebnisse gibt, die eine Hypothese in Frage widerlegen, dass muss man die Hypothese nicht in den Papierkorb werfen, sondern oft genügt es, wenn man die Randbedingungen ändert. (Das ist übrigens ein wichtiger Punkt, bei dem Statistiker im Dienst der Pharmaindustrie eine wichtige Rolle spielen, wenn widerspenstige Ergebnisse geschönt werden müssen.)
Noch einfacher gesagt: Wenn ein experimentelles Ergebnis gegen eine Hypothese spricht, dann kann die Hypothese falsch sein, aber es wäre auch möglich, dass man nur die Randbedingungen ändern muss.
Zu den Randbedingungen bei der MS?
Es ist ein wohlfeiles Argument, wenn man seinem Gegner vorwirft, es sei schwierig, mit ihm zu diskutieren, denn der kenne noch nicht einmal den Unterschied zwischen "Ursache" und "auslösender Ursache". Ich muss gestehen, diese Kritik trifft auf mich zu: Ich habe Schwierigkeiten mit dieser Unterscheidung. Richtig klar geworden ist mir das, als es früher um die Framingham-Studie und Risikofaktoren für die Arteriosklerose ging.
Niemand kennt die "Ursache" der Arteriosklerose, aber wir sind ziemlich sicher, die "Risikofaktoren" identifiziert zu haben. Wäre es nicht denkbar, dass wir auch bei der MS die eigentliche Ursache nicht kennen, aber dennoch Risikofaktoren vermeiden können?
W.W.