Literatur und Wissenschaft, abschließend (Allgemeines)

Karo, (vor 3461 Tagen)

Im mittlerweile unübersichtlichen Faden nebenan gab es noch eine anregende Bemerkung von Boggy, die ich abschließend kommentieren möchte, das Thema ist ja langsam totgeschrieben, und ja, ich schreibe meist viel zu lang, obwohl ich ja eigentlich immer nur Kurzversionen präsentiere.

Für mich war die Debatte zwischen den Positionen von Boggy und WW sehr interessant.

Boggy:

Und die Tatsache, daß es Grauzonen gibt, Übergänge von literarischer Sprache und exakt wissenchaftlicher Sprache, entbindet nicht von der Verantwortung, sich klar und präzise, unmißverständlich auszudrücken, wenn man eine bestimmte Postion vertreten will. Dazu gehört auch die saubere Definition der Begriffe, die man verwendet.

Damit forderst du die Umsetzung eines normativen Ideals von wissenschaftssprachlicher Exaktheit, die kaum jemals mehr war als eine Fantasie bzw. eine Proklamation des 19. Jahrhunderts.

Empirisch ist diese Fantasie seit Jahrzehnten widerlegt - mittlerweile abgesunken zu ordinärem Lehrbuchwissen, wie nebenan gesagt, und angesichts der mächtigen Kapitalverwertungsinteressen der Pharmaindustrie des 21. Jahrhunderts mit ihren billigen Manipulationstechniken doch sowieso obsolet.

Dass dann nebulös von "Grauzonen" zwischen "literarischer Sprache und exakt wissenschaftlicher Sprache" die Rede ist, ist ebenfalls ein Salto rückwärts ins 19. Jahrhundert, in dem solche Unterscheidungen für möglich gehalten wurden.

Denn es geht nicht um "verschwimmende" Grenzziehungen oder den willkürlichen Wechsel aus dem Bereich literarischen Sprechens in eine vermeintlich exakte Wissenschaftssprache, sondern darum, dass genuin literarische Darstellungsweisen theoriekonstitutiv sein können - insbesondere bei Freud, der ja über ein quasi Unverfügbares schreibt, das sich ohnehin im Grenzbereich dessen bewegt, was sprachlich ausgedrückt werden kann.

Es gibt kein Sprechen ohne Metaphern; gibt nicht einmal Schweigen ohne Metaphern. Metaphern sind vielfach theoriekonstitutiv - das ist Forschungskonsens, auch in der Forschung zur Geschichte der Naturwissenschaften.

Und gerade Freud hat nicht einfach mal so eine Metapher verwendet, weil ihm zum Aufhübschen seiner Texte gerade nichts anderes einfiel, sondern seine Darstellungsweise ist ein Schreibverfahren mit zahllosen Vor- und Rückverweisen quer durch das eigene und andere Werke aus Literatur und Wissenschaft, in dem Begriffe, Sprachbilder, Anordnungsweisen usw. sehr kontrolliert verdichtet, verschoben, ständig umgeschrieben und dadurch auch immer wieder neu geschaffen werden.

Zum Schluss:

Literarische Darstellungsweisen, metaphorische Verdichtungen und metonymische Verschiebungen können exakt sein.

Wie man einen Begriff "sauber" definiert oder was "Grauzone“ bedeuten soll, kann ich dagegen nicht so genau sagen.

Muss ich ja auch nicht.

:)

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