Literatur und Wissenschaft, abschließend (Allgemeines)

W.W., (vor 3460 Tagen) @ Boggy

Aber der wichtigste Punkt ist dieser, und der bleibt auch so:
In jeder vernünftigen Diskussion muß man eine klare, abgrenzbare Position einnehmen, man muß notfalls deutlich sagen, was man mit diesem oder jenem Wort meint, das man benutzt,
oder man setzt sich dem Verdacht aus, verschleiern zu wollen, oder man hält sich Hintertürchen damit offen, um nicht für die eigene Postion verantwortlich gemacht werden zu können ("das hab ich ja gar nicht gesagt/ gemeint").
(Und, übrigens, mit einem "Anhängen an einer idealen Sprache" hat das überhaupt nichts zu tun.)

Antwort nach einem Spaziergang in der Morgensonne, nachdem sich die Frühnebel gelichtet haben:

Diese Behauptung, man könne sich hinter seiner unklaren oder 'poetischen' Ausdrucksweise verstecken, war das Standardbedenken von Carnap und Popper gegen Heidegger. Ich habe das auch lange Zeit geglaubt, muss aber jetzt einräumen, dass man das auch anders sehen kann: Man kann sich zwar in eine 'schwammige' Ausdrucksweise flüchten wie in einen dunklen Hinterhalt, aber es wäre auch denkbar, dass neue Gedanken einer neuen Sprache bedürfen.

Auch Kant musste die Sprache der Scholastik, von Descartes, Leibniz und Wolff umgestalten, um seine 'Kritik der reinen Vernunft' schreiben zu können. Es ging nicht in der althergebrachten Sprache! Und Hegel konnte das, was er meinte, nicht in der Kantschen Sprache ausdrücken. Und Heidegger möglicherweise das, was er für wichtig hält, nicht à la Carnap.

Wenn die Sprache die Welt abbildet wie ein Spiegel, warum sollte dieser Spiegel nicht in jeder Generation und von jedem Menschen neu geschliffen werden müssen? Es könnte sein, dass uns das Einfache und Verständliche täuscht, so wie wir von Donald Trump, Marine le Pen und anderen Populisten getäuscht werden. Vielleicht ist das ja gerade die Masche der Populisten, uns mit Dingen zu überzeugen, die uns aus der Seele zu sprechen scheinen?!:confused:

Das Einfache ist nicht das Siegel der Wahrheit! Es ist eher ein Instrument der Werbung.

Um das klar zu machen, was ich meine, muss ich etwas privat werden. Ich frage mich seit langem: 'Gibt es etwas, was jenseits des Fassbaren liegt?' Also außerhalb der sinnlichen Erfahrbarkeit? Aber für manche würde das ja anmuten wie ein Gespenst in einem englischen Schloss, das um Mitternacht erscheint und unbehelligt durch Mauern verschwinden kann.

Viele sagen, so etwas könne es ja gar nicht geben, obwohl manche Naturwissenschaftler steif und fest behaupten, auch die festesten Gegenstände würden zu 99,9% aus Nichts bestehen. Egal, solche Gespenster gibt es also offenbar nicht, aber die meine ich auch gar nicht. Ich meine das, was man nur 'mit dem Geist' sehen kann. 'Liebe' wäre so etwas, oder 'Gerechtigkeit' oder Schönheit'.

Platon meinte, die wirklichen Dinge seien unsichtbar. Wir Menschen seien wie angekettete Gefangene in einer Höhle, die vor sich auf der Höhlenwand nur Schatten sehen, die sie für die Wirklichkeit halten. Wenn sich nun jemand von seinen Ketten befreit und durch einen langen Gang ins Sonnenlicht gelangt, dann schmerzen ihm die Augen vor lauter Glanz und Pracht, und ihm ist so, als ob er blind sei.

Wenn dieser sich allmählich an das Sonnenlicht gewöhnt und er die Welt sieht, wie sie wirklich ist, dann könnte er auf die Schnapsidee kommen, in die Höhle zurückzukehren, um seinen ehemaligen Mitgefangenen zu berichten, was da draußen 'wirklich' ist. Aber in der Dämmerung würden seine an die Helligkeit angepassten Augen wieder lange Zeit brauchen, um überhaupt etwas sehen zu können. Nicht einmal die Schatten könnte er richtig erkennen.

Ich habe einmal einen Film gesehen, den ich nie richtig verstanden habe: 'Picknick am Valentinstag' von Peter Weir. Vier Mädchen verschwinden in einem Felsspalt, und erst Tage später wird eines davon völlig verstört und unfähig zu sprechen in der Nähe aufgefunden.

Ich weiß nicht, was passiert ist und wo die anderen drei Mädchen sind, aber wäre es nicht denkbar, sie seien hinter dem Felsspalt in eine andere Welt hineingetaucht? Und das Mädchen, das zurückkehrt, hätte keine Sprache dafür, was es dort (im Empyreum?) gesehen hat?

Kurz: Ich glaube, Carnap wäre gefeit davor, in so eine verwunschene Gegend zu gelangen, aber heißt das, dass es sie nicht gibt? Es könnte doch Menschen (Künstler, Philosophen, Mystiker) geben, denen es vergönnt ist, einen Blick über jene Grenze zu tun - und wenn sie besonders begnadet sind, könnten sie auch etwas darüber sagen. Allerdings nut stotternd uns stammelnd!

W.W.

PS: Ich habe diesen Text übrigens nicht geschrieben, um jemanden hinters Licht zu führen (oder doch???), sondern um die Leser darauf aufmerksam zu machen, dass es hinter der sichtbaren auch möglicherweise noch eine unsichtbare Welt gibt.

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