Ko- und Kontextabhängigkeit von Fachbegriffen (Allgemeines)

Karo, (vor 3463 Tagen) @ Boggy

Ich finde die Angaben und Informationen verwirrend.

Ganz viel scheint davon abzuhängen, was wann an welcher Stelle in einer Studie wie definiert wird. Und dann kommts darauf an, wie das in ener sprachlichen Fassung (Artikel) in Worte gefaßt wird. Soviel Freiraum für Verschleierung und Manipulation gibts da, - so kommts mir vor ...

Sprache ist nicht nur Medium der kommunikativ-kognitiven Wirklichkeitsaneignung, sondern auch Medium der kommunikativ-kognitiven Wirklichkeitsgestaltung.

Statische, zuverlässige Definitionen oder monosemantische Fachtermini, die innerhalb eines Textes oder Kontextes immer genau ein und dieselbe Bedeutung haben, sind eher die Ausnahme als die Regel, eher veraltetes Ideal als wissenschaftskommunikative Realität.

Aus linguistischer Perspektive ist fachsprachliche bzw. begriffliche Exaktheit keine objektive und absolute Größe, sondern eine relative Größe. Fachwissenschaftliche Begrifflichkeiten werden je nach Ko- und Kontexten mehr oder weniger polysemantisch verwendet bzw. differenziert und variiert.

Das heißt, dass Termini wie bspw. „Kernreaktor“ oder „Multiple Sklerose“ in fachinterner Kommunikation anders definiert werden als in einem Ökojournal oder in laienorientierter Transfersprache mit Patienten.

Als Normalfall der Wissenschaftskommunikation und erst recht des Wissenstransfers gilt also die ko- und kontextuelle Exaktheit, während die verwendeten Fachbegriffe in systematischer Hinsicht oftmals vage bleiben.

Diese ko- und kontextabhängige Exaktheit von Fachbegriffen - dass sie einerseits je nach Anlass in ihrer Bedeutung variieren, innerhalb eines Kontextes aber gerade deshalb meist sehr präzise verwendet werden, andererseits und aus systematischer Perspektive genau wegen ihrer ständigen Variation als vage und alles andere als eindeutig erscheinen –, gilt inzwischen sogar Voraussetzung für ihre Verwendung und für das Gelingen von Kommunikation, denn mehrdeutige Definitionen und Begriffe werden erst innerhalb eines spezifischen Ko- und Kontextes auf Eineindeutigkeit hin interpretiert.

Um eine zunächst verwirrende Definition / Begrifflichkeit deuten zu können, muss also erkennbar sein, wodurch die Polysemie motiviert ist. Meist tauchen dazu spezifische Bedeutungsindikatoren im Text auf, "Verständigungssignale", die sowohl von den Autoren (Produzenten) als auch von der Leserschaft (Rezipienten) erkannt, anerkannt und beachtet werden müssen. Geschieht das nicht, bleibt der Text unverständlich, die Kommunikation scheitert.

Das kann natürlich noch viele andere Gründe haben; in dem Fall, den du schilderst, liegt es möglicherweise auch an einem veralteten Anspruch an systematische Exaktheit der verwendeten Terminologie, die es empirisch nicht gibt.

Eintrag gesperrt
5227 Views

gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion