Im Land der Lügen (Allgemeines)
Auch dieser Thread ist wieder so entsetzlich lang geworden, und ich habe einfach so dahingeschrieben und die Gliederung vergessen.
Ich will die Reportage ‚Im Land der Lügen’ besprechen und lese eben einen Leserbeitrag hier im Forum, dass es sich eher um eine schlechte Reportage handelt, die im üblichen Stil die Pharmamedizin schlecht macht.
Das wollte ich eigentlich verhindern. Ich wollte ruhig und sachlich besprechen, was mir in meinem Leben widerfahren ist und das mit dem vergleichen, was in der Reportage steht. Aber vielleicht ist meine Vorgehensweise zu persönlich und unordentlich???
Einleitung:
Ich begann damit, dass ich als junger Arzt sehr naiv gewesen bin und den Fortschritt in der Medizin geradezu anhimmelte. Menschen, die ihn in Frage stellten, schienen das Offensichtliche nicht sehen zu wollen: das ständige Ansteigen der Lebenserwartung. Außerdem schien es sich um Obskurantisten zu handeln, irgendwelche irrationale Kräfte, die in ein Leben vor 200 oder 300 jahren zurückwollten.
Ja, so dachte ich damals, und ich schwor auf Studien, vor allem wenn sie evidenbasiert waren, also prospektiv, doppelblind, randomisiert und placebokontrolliert. Einen höheren Grad an wissenschaftlicher Verlässlichkeit konnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich war also als junger Mensch so, wie es wohl auch hier im Forum viele gibt.
Will ich behaupten, dass ich im Laufe meines Lebens dazugelernt habe und klüger geworden bin? Vielleicht habe ich aber auch so viele Enttäuschungen und Narben erlitten, dass ich ein verbitterter alter Mann geworden bin?
Ich weiß es nicht. Dennoch erscheint es mir sinnvoll zu sein, mir all das einmal von der Seele zu reden, und sei es auch nur, um mit mir selbst ins Gericht zu gehen.
5 Argumente, warum Studien manipuliert werden können
Ich zitierte dann 5 Möglichkeiten, wie Pharmafirmen Einfluss auf die Ergebnisse nehmen können, und die die Objektivität dieser Studien in Frage stellen.
Dann erlaubte ich mir einen Exkurs auf TTIP, dass also die Manipulation von Daten nicht auf die Medizin beschränkt ist, sondern auch in der hohen Politik eine Rolle spielt.
Die Frage war vor allem: Wie kann ich einem BMW-Händler trauen, wenn er mir einen BWW empfiehlt? Wenn er das nicht einfach so macht, sondern in sachkundiger Weise BMWs mit Mercedes und Audi vergleicht. Und er angenehm mit tiefer, warmer Stimme spricht und über vollendete Umgangsformen verfügt.
Habe ich einen Grund, das, was er sagt, zu hinterfragen? Er sieht vertrauenserweckend aus und hat offensichtlich viel Ahnung. Muss ich mich nicht selbst für mein Misstrauen rügen?
Je klüger man ist, desto größer das Gehirn!
Dann erinnerte ich daran, wie ich einmal zu einem ‚begründeten Fehlschluss’ gekommen war. Ich hatte richtige Daten falsch interpretiert, weil ich etwas Wesentliches übersehen hatte, nämlich die zunehmende Körpergröße. Und dass unsere Denkfähigkeit nicht von der Hirnmasse allein abhängt, sondern in viel größerem Maß davon, wie unser Gehirn verschaltet ist.
Die Zunahme der Lebenserwartung ist ein schlagender Beweis, dass unsere Medizin erfolgreich ist!
Ich ging auf den Einfluss der Säuglingssterblichkeit auf die Lebenserwartung ein und dann auch noch auf eine interessante epidemiologische Untersuchung von McKeown, dass nämlich die Tuberkulosesterblichkeit im Laufe der letzten Jahrhunderte nicht wegen der medizinischen Fortschritte abgenommen hatte, sondern wegen des besseren Lebensstandards.
Über das Framing
Statistik kann uns also täuschen, egal ob sie höheres Einkommen mit der Schuhgröße korreliert oder Intelligenz mit der Hirngröße. Aber wussten wir das nicht alles schon? Wird hier nicht alter Quark neu serviert? Aber sagen das die Klugen nicht immer, dass ihnen das schon längst bekannt sei!? Und dann hören sie nicht mehr zu, weil sie es angeblich ja schon wissen. Und wer dennoch fortfährt, macht sich der Sünde schuldig, seine Leser zu langweilen oder sich ihnen gegenüber aufzuspielen: Der Kritiker weiß alles besser und scheint ein besonders schlauer Mann zu sein!
Ich habe einmal einen Artikel geschrieben, warum die Wirkung der Betainterferone so wenig ins Auge springt. Ein Grund ist das „framing“.
Es ist gängige Praxis, dass Pharmafirmen die Ergebnisse von Studien, die sie selbst bezahlt haben und die dem Wirkungsnachweis der eigenen Medikamente dienen, werbewirksam aufputzen.
Der häufigste Trick ist, die Resultate nicht in absoluten, sondern in relativen Werten anzugeben. Sehr gut lässt sich das am Beispiel der 1996 publizierten Avonex®-Studie zeigen.
Unter der Behandlung mit Placebo traten innerhalb von zwei Jahren 0,82 Schübe auf, in der mit Avonex® behandelten Gruppe 0,67 Schübe. Die Schubrate wurde also um 0,15 Schübe (das entspricht in etwa 1/7 Schub) pro zwei Jahre reduziert. Das heißt: Man muss sich 7mal zwei Jahre, also 14 Jahre lang Avonex® spritzen, um einen einzigen Schub zu verhindern. ...
W.W.