Im Land der Lügen (Allgemeines)
Das heißt: Man muss sich 7mal zwei Jahre, also 14 Jahre lang Avonex® spritzen, um einen einzigen Schub zu verhindern. In den Werbebroschüren wird diese Zahl aber ganz anders dargestellt: Ohne Avonex® treten 0,82 Schübe pro Jahr auf, das wird als 100% gesetzt. Mit Avonex® sind es nur 0,67 Schübe. 0,67 von 0,82 sind 73%, also reduziert Avonex® die Schubzahl um 27%.
Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Arzt würde Ihnen sagen: „Ich empfehle Ihnen ein Medikament, das müssen Sie sich 14 Jahre lang alle zwei Tage unter die Haut spritzen, um einen MS-Schub zu verhindern.“ Würden Sie sich darauf einlassen? Ganz anders wäre es sicherlich, wenn er sagen würde: „Ich empfehle Ihnen ein Medikament, dass zwar die Schübe nicht ganz unterdrückt, aber immerhin um 27% verringert.“
Ich bin erschreckt über das, was in den Werbebroschüren steht. Ich würde es als eine Lüge bezeichnen, dann aber innehalten und nur noch von einer 'gezielten Desinformation' sprechen. Ähnliche Probleme habe ich mit dem Wort 'Bestechung'. Ich glaube, dass Ärzte, die für viel Geld Vorträge für Pharmafirmen halten, in denen sie ein Medikament dieser Firma loben, bestochen sind. Oder wenn sie dafür, dass sie ein teures Medikament verordnen, keine Provision (das ist ja verboten!), sondern Geld für Verlaufsbeobachtungen bekommen, also alle 3 Monate 100, 200 oder 300 €, wenn sie Kreuze auf einem 'Untersuchungsbogen' machen, und sich dann auch noch als Ärzte bezeichnen dürfen, die nebenbei 'forschen'.
Nein, auch hier ist das Wort 'Bestechung' aus 1000 Gründen nicht statthaft, man könnte höchstens von 'Industrienähe' oder 'Interessenkonflikten' sprechen.
Ingrid Mühlhauser und die UKE
An dieser Stelle sei mir ein Exkurs erlaubt. Ich bewundere die Arbeit von Chistoph Heesen, Sascha Köpke und Ingrid Mühlhauser sehr, die die UKE-Broschüre 'Immuntherapien der Muliplen Sklerose' herausgegeben haben. Ich halte sie für die beste Einführung in die Therapie der MS, und ich wundere mich immer wieder, wie sehr sie im Widerspruch steht zu den Verlautbarungen der DMSG. Soweit ich weiß, geht die DMSG nicht einmal auf diese Broschüre ein.
Wie dem auch sei: Die Autoren haben sich bemüht, eine besonders einfache Darstellung für komplizierte Sachverhalte zu verwenden. Ich möchte das am Beispiel der Interferone zeigen. Die Autoren kommen auf S. 36 zu dem Schluss:
'Interferone haben einen mäßigen Effekt auf die Anzahl von Schüben und einen geringen Effekt auf die Zunahme der Beeinträchtigungen in bis zu drei Jahre dauernden Therapiestudien. So haben 14 von 100 Patienten therapiebedingt keinen Schub in zwei Jahren und 9 von 100 Patienten therapiebedingt keine Zunahme der Beeinträchtigung in zwei Jahren.'
Darstellen tun sie diese Zahlen großformatig mit roten, grünen und blauen Männchen, so dass das Endergebnis sehr überzeugend erscheint. Dennoch befürchte ich, dass viele MS-Betroffene sich so etwas nicht angucken wollen. Sie denken: Soll das doch der Arzt lesen, der versteht das sicher besser.'
Ich fürchte nur, der Arzt liest das gar nicht, sondern hört nur auf das, was ihm ein Pharmavertreter erzählt, und dann lautet das Fazit anders als bei Heesen und Co.: Große internationale Studien haben gezeigt, dass die Interferone in etwa einem Drittel der Fälle wirksam sind.
Man wundert sich über den Unterschied und dass er anscheinend schweigend hingenommen wird. Ich behaupte: Statistische Analysen sind dem normalen Arzt so widerwärtig, dass er sich davor drückt, wo er nur kann! Und so kommt es zu diesen einfachen Vereinfachungen, die meist zugunsten der Medikamente ausfallen.
W.W.