Im Land der Lügen (Allgemeines)

W.W., (vor 3344 Tagen) @ W.W.

Ich fange noch einmal von vorn an. Ich habe das Gefühl, wir sind die Konzernen, die gewiefte und hochbezahlte Statistiker haben, hilflos ausgeliefert. Viele täuschen sich selbst, indem sie behaupten, ihre Intuition und ihr gesunder Menschenverstand würden sie davor bewahren, betrogen zu werden. Lessing würde sagen: 'Betrogene Betrüger!'

Wir sollten unseren statistischen Ausflug mit der Verbsserung beginnen, die 'relativen' und 'absolut' sein kann. Sehr gut lässt sich das am Beispiel der 1996 publizierten Avonex®-Studie zeigen.

Unter der Behandlung mit Placebo traten innerhalb von zwei Jahren 0,82 Schübe auf, in der mit Avonex® behandelten Gruppe 0,67 Schübe. Die Schubrate wurde also um 0,15 Schübe (das entspricht in etwa 1/7 Schub) pro zwei Jahre reduziert. Das heißt: Man muss sich 7mal zwei Jahre, also 14 Jahre lang Avonex® spritzen, um einen einzigen Schub zu verhindern.

In den Werbebroschüren wird diese Zahl aber ganz anders dargestellt: Ohne Avonex® treten 0,82 Schübe pro Jahr auf, das wird als 100% gesetzt. Mit Avonex® sind es nur 0,67 Schübe. 0,67 von 0,82 sind 73%, also reduziert Avonex® die Schubzahl um 27%.
Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Arzt würde Ihnen sagen: „Ich empfehle Ihnen ein Medikament, das müssen Sie sich 14 Jahre lang alle zwei Tage unter die Haut spritzen, um einen MS-Schub zu verhindern.“ Würden Sie sich darauf einlassen? Ganz anders wäre es sicherlich, wenn er sagen würde: „Ich empfehle Ihnen ein Medikament, dass zwar die Schübe nicht ganz unterdrückt, aber immerhin um 27% verringert.“


Niemand hat gelogen, und dennoch fühlt man sich über den Tisch gezogen!


Das nächste Beispiel: Für die Mammographie wird damit geworben, dass sie die Brustkrebssterblichkeit um 25% senkt. Das klingt überzeugend!

Tatsache ist jedoch, dass in der mammographierten Gruppe innerhalb von 10 Jahren drei, in der Kontrollgruppe jedoch vier Frauen an Brustkrebs gestorben sind.
Folglich hat das Screening das relative Risiko um ein Viertel, also von 4 auf 3 verringert.

Das ist beeindruckend viel, aber das absolute Risiko ist dagegen nur von 4 auf 3 Fälle von Tausend gesunken, also um 0,1%. Das bedeutet, dass 999 Frauen umsonst durch die Mammographie geschleust und zu Dutzenden durch falsch positive Werte verunsichert werden.

Um unser Gefühl für diese Art von Täuschung (die ‚Mammographie-Illusion’) zu trainieren, ein anderes Beispiel: der PSA-Test.

W.W.

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